Meine Situation mit 12 Monaten Elternzeit ist schon besonders
Philipp Schulte
38 Jahre
Projektmanager Online-Marktforschung
Vater von Karl, 2 Jahre
GETAUSCHTE ROLLEN
Eigentlich haben wir zuhause alle Aufgaben gleichermaßen verteilt. Wir haben beide unsere Arbeitszeit reduziert auf rund 36 Stunden, aber Janina erst seit Anfang dieses Jahres. Nach Ende ihres Mutterschutzes hat sie wieder in Vollzeit angefangen zu arbeiten. Karl war da 2 Monate alt, und ich habe für das gesamte Jahr 2013 Elternzeit genommen. Seit Januar bin ich wieder in Teilzeit berufstätig.
Janina hat in der Firma die höhere Position und verdient folglich mehr. Deshalb hat sie keine Elternzeit genommen, weil ihre Stelle neu besetzt worden wäre. Allerdings wollte sie auch gerne wieder arbeiten und ich gerne längere Zeit aus dem Job raus. Doch jetzt müssen wir beide arbeiten, um uns das Kind leisten zu können. Bei unseren Verwandten im ländlichen Raum ist die Rollenverteilung hingegen noch sehr klassisch. Dort gibt es auch erst einen Kita-Platz ab dem 3. Lebensjahr, daher bleiben die Mütter für diese Zeit auch zuhause. In meinem Freundeskreis hier fällt mir niemand ein, der so etwas leben könnte. Beide müssen so zügig wie möglich wieder arbeiten. Allerdings ist meine Situation mit 12 Monaten Elternzeit schon besonders. Die meisten Väter nehmen nur zwei Monate, fahren während dieser Zeit in Urlaub und lernen daher gar nicht so den Alltag mit Kind kennen. Auch nicht den Lagerkoller, wenn man mittwochs um 11:30 Uhr denkt ‚Mann ey, jetzt ist hier noch die Spülmaschine voll, und ich muss auch noch Essen kochen! Wann machst du eigentlich Mittagsschlaf?‘. Und du hast auch Bock darauf, mal wieder intellektuell gefordert zu werden, statt immer nur die Windeln zu wechseln und trotz Regen noch mal auf den Spielplatz zu gehen. Am Anfang der Elternzeit war das manchmal schon komisch, tagsüber mit dem Kind unterwegs zu sein, und alle anderen haben gearbeitet, während ich von 120 E-Mails am Tag auf null runtergegangen bin, ohne Telefonate und ständigen Arbeitsdruck, stattdessen so ein Freestyle-Leben.
ALS EXOT IN DER PEKIP-GRUPPE
Viele andere Mütter haben ziemlich kritisch auf unseren Familienentwurf reagiert, vor allem darauf, dass Janina so früh wieder gearbeitet hat. Bei einer Pekip-Gruppe in Winterhude zum Beispiel waren fast nur Mütter, für die das Kind der gewünschte Exit aus dem Arbeitsleben war. Und dann dieser Wettbewerbsgedanke. Den hatte ich so noch nie bei Frauen kennen gelernt. Dieser ständige Blick darauf, was die Kinder schon können. Immer wenn ich erzählt habe, dass ich mit Karl zuhause bin, habe ich in große Augen geguckt. Keine dieser Mütter hat gesagt, dass sie sich das nicht vorstellen könne, sondern sie haben mir subtil versucht, ein schlechtes Gewissen zu machen. Allerdings haben sich die Mütter so richtig gar nicht für mich interessiert, für die war ich eher der Exot. Was sicherlich auch mit der Geschlechtsbarriere zu tun hat. Ich habe deshalb versucht, mich am Rand zu halten, wenn Mütter gestillt haben. Das ist ja eine sehr intime Situation. Vielleicht waren die auch nur anders, weil ich da war.
Jedenfalls habe ich dann gedacht, das liegt am Stadtteil mit Menschen, die noch ein konservatives Lebensmodell haben. Aber in Eimsbüttel beim Baby-Massagekurs war es noch schlimmer. Da waren dann die linken Spießer. Die trugen nicht Lacoste, sondern die schwedischen teuren Label. Und in Altona das gleiche. Dann war ich noch in Uhlenhorst in einem Singkurs, das war die größte Katastrophe. Die Eltern dort haben wie besessen ihre Kinder zum Singen animiert ‚Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann… Los, sing mal mit, sing mit!‘. Da habe ich mir gedacht, ich mache lieber meinen eigenen Singkurs und zeige Karl meine Plattensammlung bis er drei Jahre alt ist. Aber natürlich gibt es auch ganz tolle Muttis, die nicht ständig vergleichen und auch mal zugeben, dass ein Tag mit dem Kind richtig scheiße sein kann. Das traut sich sonst ja kaum jemand.
Deshalb war ich auch so froh, den Väter-Brunch vom Väter e.V. gefunden zu haben. Das war schlagartig ein ganz anderes Feeling. Die Kinder haben für sich gespielt, die Väter haben gefrühstückt und sich über Kinder, Mütter, Fußball, Stadtpolitik und die eigene Kindheit unterhalten. Das war total angenehm.
Es ist schon auffällig, dass es einen deutlichen Unterschied in der Wahrnehmung hier in der Stadt und ländlicheren Regionen gibt. Wenn ich meine Eltern hinter Koblenz besuche und mit Karl auf der Straße unterwegs bin, wird sehr viel geguckt. Auch beim Polterabend meiner Schwägerin im ländlichen Schleswig-Holstein gab es von den anderen Männern große Blicke, als ich Karl gefüttert habe. Von denen hat niemand mit mir gesprochen. Hier in Hamburg sind so viele Väter mit ihren Kindern unterwegs, da ist das normal, da guckt niemand.
ERZIEHUNG UND FAMILIENLEBEN
Bei der Erziehung lasse ich doch mehr durchgehen und mich eher weichklopfen. Darüber habe ich lange nachgedacht und merke, wenn ich mich mit Müttern unterhalte, da sind die dann eher diejenigen, die sich eher weichklopfen lassen. Vielleicht übernimmt diese Rolle derjenige, der mehr Zeit mit dem Kind verbringt. Also ist das vermutlich nicht unbedingt eine weibliche Eigenschaft, weil sicherlich andere Väter, die viel Zeit mit ihrem Kind verbringen, ein ähnliches Phänomen erleben. Natürlich bin ich auch mal konsequent, aber das Weichklopfenlassen ist schon ein auffallendes Merkmal. Ich bekomme auch in einigen Situationen mehr von Karl mit. Einmal hat er sich nachts im Nebenzimmer übergeben und ich bin sofort aufgewacht und habe das Gluckern gehört.
Die erste Zeit nach der Elternzeit war für mich sehr schwer und Karl hat mir irre gefehlt. Aber solange wir nicht die 6.000 Euro Sofortrente gewinnen, geht es eben nicht anders. Doch sobald wir als Familie zusammen sind, haben wir oft echte Qualitytime. Allerdings gibt es zuhauf Situationen, in denen wir alle total genervt sind, weil es so viel Stress gibt. Das hatten wir uns nicht so vorgestellt, dass alles so durchgetaktet sein würde. Zum Beispiel morgens zwischen 7 und 8, was da an Stress entstehen kann, das ist wirklich interessant.
HINEINWACHSEN IN DIE VATERSCHAFT
Ich hatte keine festen Vorsätze dafür, wie ich als Vater sein wollte. Das hat sich erst während Karls erstem Lebensjahr herauskristallisiert. Ich erkenne oft, dass ich genauso mit meinem Sohn spreche, wie mein Vater mit mir gesprochen hat. Dadurch habe ich dann langsam erkannt, was ich anders machen möchte. Darüber haben mein Vater und die anderen Männer seiner Generation vermutlich nicht so nachgedacht. Unsere Eltern hatten ja Eltern, die aus dem Krieg kamen, da war vermutlich nicht so viel Emotionalität am Start und sie waren sicherlich mehr auf sich allein gestellt.
Mein Vater war vielleicht etwas grummeliger als meine Mutter, aber er war schon präsent. Er hat mir gezeigt, wie man einen Drachen baut und wie man einen Auto-Kofferraum gut einräumt. Interessanterweise war er auch das erste Jahr mit mir zuhause, während er seine Diplomarbeit geschrieben hat und meine Mutter gearbeitet hat. Mir hat also nicht so sehr seine Präsenz gefehlt, eher emotionale Dinge. Ich möchte da sein für mein Kind und viel verstehen von dem, was Karl macht. Möchte ihn vor allem nicht alleine lassen. Dieses Gefühl hatte ich nämlich häufig. Mir hätte es im Nachhinein gefallen, wenn sich meine Eltern mehr für mein Musikmachen interessiert hätten. Ich will Karl später häufiger fragen, was er gerade so macht. Das wird sich mit der Zeit entwickeln, diese Nähe zu entwickeln, ohne zu kumpelhaft zu werden. Mit ihm werde ich in die Vater-Rolle weiter hineinwachsen.
FREIRÄUME ERHALTEN
Für mich sind ganz zentral im Leben Glück und Harmonie. Das klingt so nach Poesiealbum. Aber das ist es. Dazu gehört auch, im Millerntor-Stadion zu stehen und meinen Samstag zu haben. Durchatmen. Obwohl es total toll ist, eine Familie zu haben, sind diese kleinen Inseln schon sehr wichtig und ganz besonders für mich. Sich mal einen Tag treiben zu lassen oder auch mal länger auszugehen, was allerdings nur sehr, sehr selten möglich ist. Darüber führen wir auch kein Buch, kündigen unsere Vorhaben aber an und tragen alles in einen Kalender ein und sprechen darüber. Seit Karl 9 Monate alt ist, haben wir auch einen Babysitter, der einmal im Monat kommt. So sichern wir uns unsere Freiräume. Allerdings wird das immer schwieriger, weil Karl so viele Krankheiten aus der Kita mitbringt. Glück ist auch, wenn wir zusammen etwas Schönes unternehmen und dann auch noch ein Mittagsschlaf für uns alle möglich ist. Das ist Glück. Solche Tage sind richtig rund.
WÜNSCHE
Ich wünsche mir, dass ich ihm immer an der richtigen Stelle einen Schubs geben kann, damit er auf seinen Weg kommt und auch artikulieren kann, was für ihn gut ist. Das ist natürlich eine Herausforderung für mich, diese ‚richtige Stelle‘ zu erkennen. Es ist überhaupt nicht wichtig für mich, ob er aufs Gymnasium geht oder eine andere Entscheidung trifft. Ich würde mich genauso freuen, wenn er Schreiner wird oder irgendetwas studiert. Ich wünsche mir, dass er tolle Freunde findet und die Liebe seines Lebens. Sein erstes Stück Unabhängigkeit bekommt er schon seit dem 13. Monat in der Kita. Es ist sehr schön zu sehen, dass er dadurch schon vieles ganz selbstständig macht. Das ist für uns als Eltern auf der einen Seite schon ziemlich aufregend, wie er da mit seinen ersten eigenen kleinen Schrittchen ein bisschen flügge wird. Aber auf der anderen Seite finde ich das auch total wichtig und besser, als so gluckig mit ihm umzugehen. Aber weil wir voll arbeiten und er dann den Tag über vieles alleine macht, müssen wir perspektivisch aufmerksam bleiben und wissen, was mit Karl den Tag über passiert, auf eine unaufdringliche und auch freundschaftliche Art, mit Respekt, damit er auch von sich erzählt. Das zu finden ist der Königsweg. Und an der richtigen Stelle dann zu schubsen zu können, resultiert vielleicht daraus, dass man aufmerksam ist und sein Kind gut kennt.
Ich wollte im Umgang mit den Kindern alles können, was meine Frau kann
Alexander Wittern
39 Jahre
Polizeibeamter
Vater von Kaspar, 8 Jahre und Jelle, 21 Monate
SÖHNE
Ich habe mir nie ein bestimmtes Geschlecht gewünscht, das hat sich eben so ergeben. Ich habe mir Kinder gewünscht, ganz unabhängig vom Geschlecht oder was man mit ihnen machen kann. Ich spiele Basketball, und klar denkt man sich, vielleicht spielt Jelle auch mal, und dann können wir das zusammen machen. Aber das ist jetzt auch nichts, worauf ich hinarbeite oder ich gleich gedacht habe: ‚Den erziehe ich jetzt zum Basketballer!‘.
VATER WERDEN
Ich habe mich total gefreut und kann mich noch heute supergut an den Moment erinnern, als meine Frau mir das gesagt hat. Das ist noch immer für mich einer der schönsten Momente in meinem Leben. Mit dem Gefühl, jetzt meine eigene Familie zu haben, selber erwachsen geworden zu sein und selber Verantwortung zu haben, hat sich mein Wunsch total erfüllt. Dadurch bin ich erst richtig vollständig geworden.
VERLUST VON FREIHEIT?
Ne! Gut, manchmal ist da schon so ein Gedanke, dass andere ohne Kinder im Café sitzen, wann sie wollen und sonntags ausschlafen können. Aber dann kommt sofort die Erinnerung an die Zeit, als ich noch kein Vater war, und dass ich dahin nicht wieder zurück möchte. Das wäre für mich ein Rückschritt. Das kommt mir heute leer vor. Auch dann, wenn ich die Kinder mal nicht habe und mich ins Café setzen kann, dann kommt mir das leer vor.
FAMILIENLEBEN
Sobald wir als Familie zusammen sind, ergibt sich das, was wir gemeinsam tun, von alleine. Es sind eben nicht nur meine Frau und ich, die zusammen sind. Die Bedürfnisse der Kinder sind da und wir reagieren darauf. Das ist ein sehr schönes Erleben.
Natürlich sind mir auch mein Sport und meine Freunde sehr wichtig. So etwas zu pflegen ist für Inka und mich sehr entscheidend, weil wir die dadurch entstehende Zufriedenheit ins gemeinsame Familienleben hineintragen. Bei uns hat sich ein gutes Gleichgewicht eingespielt, dass wir uns gegenseitig auch ohne eine Strichliste unsere Freiheiten zugestehen. Darum haben wir uns ganz bewusst von Anfang an bemüht. Ohne diesen Ausgleich geht es einfach nicht.
DER EIGENE VATER
Definitiv lebe ich mein Vatersein anders, als mein eigener Vater! Er ist 70 und gehört noch zu der Generation von Vätern, die sich nicht so sehr in der Kindererziehung engagiert haben. Die Arbeit, auch am Wochenende, stand doch sehr im Vordergrund. Deshalb kann ich mich nicht an viele Situationen mit meinem Vater erinnern, höchstens mal im Urlaub. Mir war und mir ist es schon wichtig, dass meine Kinder mehr von mir haben. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass ich Elternzeit genommen habe. Bei Kaspar nur drei Monate. Aber bei Jelle war mir dann klar, dass ich mir mehr Zeit mit ihm wünsche und habe deshalb ein Jahr genommen. Aber auf meinen Vater bezogen hatte ich kein bewusstes Defizitempfinden. Meine Entscheidung dafür, mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen zu wollen, war wohl eher ein unterbewusster Prozess. Darüber habe ich nicht nachgedacht und dann gezielt gehandelt.
Bevor ich im Februar 2013 in Elternzeit gegangen bin, haben meine Frau und ich schon beide in Teilzeit gearbeitet, damit immer einer von uns in der Woche einen ganzen Tag bei den Kindern sein kann. Das hat mein Vater so nicht gemacht. Das war aber kein Desinteresse von ihm, das hat man zu der Zeit eben nicht gemacht. Als ich ihm erzählt habe, dass ich Elternzeit nehmen würde, fand er das toll.
Es war ja sogar 2008 noch total ungewöhnlich, als Mann in Elternzeit zu gehen. Ich glaube, in meinem Direktionsbereich war ich damals der allererste Vater, der das gemacht hat. Das hat sich ja in den wenigen Jahren bis heute schon sehr geändert. Bei Jelle war es uns wichtig, das er zwei Jahre zuhause bleibt, und nicht schon mit einem Jahr oder 14 Monaten in die Kita kommt. Dann haben wir überlegt, wie das möglich ist und entschieden, dass jeder von uns ein Jahr Elternzeit nimmt. Meine Kollegen haben darauf sehr positiv reagiert; auch die älteren finden es gut, dass sich Väter heute dafür entscheiden und meinen, dass sie das auch gerne so gemacht hätten. Die Elternzeit hat heute wirklich ein hohes Ansehen.
TIPP FÜR WERDENDE VÄTER
Man arbeitet so viel im Leben und man hat nur in diesem kleinen Zeitfenster die Möglichkeit, wirklich intensiv mit seinem Kind zusammen zu sein und ein richtig intensives Familienleben zu haben. Dieses Erlebnis bringt dem Kind viel und mir genauso viel. Das ist ein ganz großer Luxus, ein Jahr zu Hause sein zu können und seine Zeit mit dem Kind zu verbringen. Das ist einfach sehr schön! Deshalb sollte das noch viel selbstverständlicher werden! Es gibt Väter in meinem Alter, die sagen ‚Bis mein Kind 3 war, konnte ich nichts mit ihm Anfangen‘. Das hört auf, sobald ein Vater Elternzeit nimmt. Nach einem schönen Tag auf dem Spielplatz weiß er sehr wohl, was er mit seinem Kind anfangen kann.
Für mich ist es toll zu wissen, dass ich den Kindern die gleiche Fürsorge geben kann, wie meine Frau. Ich muss Jelle nicht in bestimmten Situationen meiner Frau geben, nach dem Motto ‚Ich komme damit nicht klar, kannst du ihn mal nehmen.‘ Das war für mich einer der Gründe, weshalb ich Elternzeit genommen habe. Ich wollte alles können, was meine Frau kann und dass Jelle mich genauso akzeptiert, wie Inka. Und wenn ich in bestimmten Situationen merke, dass es auch so ist, beim Trösten oder wenn ich ihn ins Bett bringe, dann freut mich das.
PLÄNE UND WÜNSCHE
Wir möchten auf jeden Fall eine möglichst hohe Gleichberechtigung beibehalten, also dass wir beide in Teilzeit arbeiten. Das ist mein Plan, das fortzusetzen, womit ich mit der Elternzeit den Grundstein gelegt habe. Ich arbeite gerne, viel und oft auch am Wochenende. Aber ich möchte auch so viel zuhause sein, wie es geht.
Das Leben von Kaspar wird ja aufgrund seiner Behinderung ganz anders verlaufen. Und Jelle soll seinen Weg finden, der ihm Freude bereitet. So, wie mir diese Freiheit meine Eltern gegeben haben. Das ist ihnen supergut gelungen, da sind sie für mich ein echtes Vorbild. Eine Richtung vorgeben will ich nicht. Ich denke, wenn ich Jelle gebe, was ich ihm geben kann, und er sieht, was Inka und ich ihm vorleben, dann wird er seinen Weg gehen. Für mich wäre das Erfolg genug. Ich glaube nicht, dass ich dafür sorgen muss, dass er schon in der Kita Chinesisch und Englisch lernt, damit etwas aus ihm wird.
EIN KIND MIT HANDYCAP
Der Fürsorgegedanke ist für Kaspar nicht anders, als für Jelle. Ich weiß oder besser gesagt hoffe, dass Jelle mal selbstständig sein wird, eine eigene Familie haben und seinen Weg gehen kann. Das wird Kaspar nicht. Aber bis jetzt war die Fürsorge gleich. Klar, die Perspektive ist halt anders. Vielleicht habe ich so weit auch noch gar nicht gedacht. Kaspar ist halt so, wie er ist. Es ist so, wir werden ihn pflegen müssen sein Leben lang, aber das ist keine Besonderheit. Das ist eben so und da wächst man hinein. Meine Frau ist Sonderschullehrerin, wir haben beide früher Kinder mit Behinderung betreut und uns darüber kennen gelernt. Wir kannten das also, deshalb denke ich, dass die Situation für uns von Anfang an leichter war. Und die institutionelle Unterstützung in unserer Gesellschaft ist sehr groß.
FÜR DAS GLÜCK DER KINDER HANDELN
Ich glaube einfach an das Vorleben. Dass ich ihnen jetzt ein Familienleben vorlebe, das ich selbst als Glück empfinde und hoffe, dass ich ihnen damit sehr viel mitgebe.
Durch die größere Nähe der Väter zu ihren Kindern entwickelt sich eine höhere Qualität in der Familie
Dirk Winkhaus
34 Jahre
PHP-Entwickler
Vater von Mick Alois, 16 Monate
ELTERNZEIT? SELBSTVERSTÄNDLICH!
Dass ich zwei Monate Elternzeit nehmen würde, war von Anfang klar und uns beiden ganz wichtig. Das kann ich auch wirklich jedem anderen Vater empfehlen und würde es auch immer wieder so machen. Mit meinem Chef habe ich gar nicht darüber gesprochen. Es steht einem zu, also habe ich mir diese Zeit genommen. Ich habe auch gar nicht darüber nachgedacht, was andere darüber denken könnten. Das geht doch niemanden etwas an. Wenn andere Männer sagen, in ihrer Firma wäre das nicht möglich wegen der vielen Arbeit, dann sage ich ihnen, dass ihre Arbeit doch auch jemand übernehmen würde, wenn sie krank wären. Das geht schon irgendwie. Grundsätzlich ist es aber in meinem Umfeld für Väter schon fast normal, Elternzeit zu nehmen.
Mehr als zwei Monate wären bei uns allerdings finanziell schwierig geworden. Aber diese zwei Monate waren klasse. Das ist eben eine Zeit, die nie wieder kommt. Ich habe die Zeit gesplittet. Einen Monat habe ich während seines 4. Monats genommen, beim zweiten war mein Sohn 13 Monate alt. In der ersten Zeit nach der Geburt war es sehr traurig für mich, morgens zu gehen. Es gab auch eine Phase des Fremdelns mir gegenüber und seine Bezugsperson war ganz klar meine Frau. Das hat sich dann aber geändert. Ich glaube, dass sich heute durch die größere Nähe der Väter zu ihren Kindern eine höhere Qualität in der Familie entwickelt, weil man enger zusammensteht. Für mich als Vater war es auch eine sehr gute Erfahrung zu sehen, was es bedeutet, den kleinen Wurm durch den Tag zu bringen. Was meine Frau von Anfang an geleistet hat, das habe ich dann auch mal mitbekommen. Das hat mich auch draußen in der Welt verändert, ohne dass ich dafür jetzt ein konkretes Beispiel nennen könnte.
VATER UND MUTTER
Es ist schon zu sehen, dass meine Frau für ihn die erste Bezugsperson ist. Er lässt sich schon von mir trösten, aber sobald dann meine Frau vorbeikommt, dann ist er gleich wieder bei ihr. Sie unternimmt eben doch mehr mit ihm und informiert sich auch sehr darüber, welche Spiele sie mit ihm machen kann, deshalb empfindet er ihr gegenüber wohl mehr Nähe. So eine Ideensuche mache ich selbst nicht, übernehme aber die Ideen meiner Frau. Das sind dann meist eher stille Aktivitäten. Von mir lässt er sich gerne in die Luft werfen. Das mag er sehr.
FAMILIENALLTAG
Ich stehe morgens sehr früh auf, damit ich früh anfangen kann zu arbeiten und bin dann gegen 17 Uhr wieder hier. Aber während heißer Projektphasen kann es auch mal vorkommen, dass ich erst sehr spät nachts von der Arbeit loskomme. Dann sehe ich ihn leider nicht. Aber wenn ich es früher schaffe, dann spiele ich mit ihm und mache dann das Abendessen. Manchmal gehen wir auch noch etwas nach draußen.
Im Sommer wird meine Frau wieder anfangen, halbtags zu arbeiten. Dann hat sie die Doppelbelastung mit Arbeit und sich um Mick kümmern. Wir werden dann die Tage des Abholens aufteilen, wenn sie länger arbeiten muss. Das ist dann zwar schon ein Ungleichgewicht der Aufgaben. Aber wir sind schon ziemlich gleich aufgestellt, also beide Macher mit einer guten Aufgabenverteilung.
EIN BEWUSSTER VATER SEIN
Mit meinem Vater konnte ich nur Zweisamkeit haben, wenn wir das gemacht haben, was ihm gefallen hat. Das war nicht so schön. Und das ist sicherlich ein Grund dafür, dass ich ein anderer Vater sein möchte. Einer, der die Bedürfnisse seines Kindes erkennt und sich dann dazu verhält. Mein Vater hat viel gearbeitet und hatte sicherlich etliche Probleme. Jedenfalls ist er nicht auf mich eingegangen. Wenn wir nicht gemacht haben, was er wollte, haben wir eben nichts miteinander gemacht. Es hat lange Zeit gedauert, bis ich das so erkannt habe. Jetzt weiß ich es, das ist gut. Sicherlich bin ich auch mal egoistisch. Wenn ich Mick zum Beispiel knutsche und weiß, dass er das nicht so gerne hat. Aber ich mache das dann trotzdem. Solche egoistischen Geschichten müssen natürlich Grenzen haben. Es ist bestimmt manchmal schwierig, diese Grenze zu finden.
DIE FREIE ENTWICKLUNG DES KINDES
Auf jeden Fall will ich ihm nichts aufdrücken. Er soll glücklich werden. Wegen mir soll er alles machen, was ihm gefällt. Sich den Job aussuchen, der ihm gefällt. Er soll sich auch seine Sexualität aussuchen, für mich ist alles in Ordnung, wofür er sich entscheidet. Ich möchte ihm alles dafür geben, dass er lernt, an sich zu glauben. Und der Wunsch an mich selbst ist der, immer die Energie dafür zu behalten, dass ich ihn dabei unterstütze, seine Interessen zu verfolgen – auch wenn die mal schnell wechseln sollten. Es wäre natürlich schön, dass er sich für etwas entscheidet, wofür ich auch ein Feeling habe, Sport zum Beispiel. Aber wenn es etwas anderes ist, dann ist das auch okay. Er muss einfach viele Dinge selbst machen und dadurch Selbstvertrauen entwickeln. Wenn er an sich glaubt, hat er gute Chancen. Mal sehen, wie das wird.
DOWN-SYNDROM
Sicherlich wird er es öfters mal schwer haben, auch gerade als Kind. Allerdings wird die Inklusion die Situation bestimmt sehr verändern. Als ich Kind war hat meine Mutter, wenn wir einen behinderten Menschen gesehen haben, immer gesagt ‚Guck da nicht so hin!‘. Heute ist die Inklusion für Kinder ohne Behinderung ein echter Gewinn, weil sie lernen, damit umzugehen. Deshalb ist das ein guter Weg. Aber darüber, wie es mit Mick mal wird, mache ich mir jetzt noch nicht allzu viele Gedanken, sondern warte lieber, bis es so weit ist.
Durch meine Kinder gehe ich an Grenzen, die ich vorher nicht kannte
Hassan Hotait
32 Jahre
Kaufmännischer Angestellter
Vater von Yara, 6 Wochen und Liah, 2 Jahre
VATER VON ZWEI TÖCHTERN
Das ist was ganz Tolles! Eigentlich kann ich das kaum beschreiben, weil es so gut ist, wenn man morgens aufwacht und so glücklich darüber ist, diese Kinder zu haben und zu beobachten, wie sie sich entwickeln. Das ist ein super Gefühl. Ob Mädchen oder Junge war mir immer egal und das wird auch so bleiben. Die Hauptsache ist, dass das Kind gesund ist. Vielleicht denke ich doch in ein paar Jahren, dass ich mit einem Jungen so Männersachen machen könnte, ins Stadion gehen, Fußball spielen und so. Aber ein Kind zu bekommen ist eben kein Wunschkonzert. Es ist einfach so, wie es ist. Und ich bin froh, dass es so ist! Ich gehe davon aus, dass ich den Mädchen genau so viel geben kann, wie ich einem Jungen geben könnte. Für mich ist das beides gleich.
DIE EIGENE KINDHEIT
Wir sind 1990 nach Deutschland gekommen, da war ich ungefähr sieben Jahre alt. Im Libanon habe ich auch eine gute Zeit gehabt, aber da war immer die Angst vor dem Krieg, dass überall, wo man hinging, gleich die Bomben hochgehen. In Deutschland war die Kindheit schon besser. Natürlich ist das hier eine andere Kultur, doch ich fühle mich heute mehr als Deutscher denn als Ausländer.
DER EIGENE VATER
Das ist kein schönes Thema für mich. Deshalb war für mich schon lange klar, dass ich nie so sein will wie mein Vater. Und so bin ich auch nicht. Das zeigt sich vor allem darin, dass Liah von mir alles bekommt, was meine Frau abgelehnt hat. Mein Vater war das totale Gegenteil von mir, hat seinen Kindern nie etwas gegeben, wir mussten für alles arbeiten. Das ist auch nicht so sehr schlimm, sonst wäre ich vielleicht nicht da, wo ich jetzt stehe. Aber ich hatte eben nicht so das Gefühl, dass er für mich da ist. Vielleicht sollte man allerdings der Fairness halber mit berücksichtigen, dass er älter ist als ich. Und er ist im Libanon aufgewachsen, ich hier. Ich bin eben im Gegensatz zu ihm modern. Er wollte nie etwas Neues lernen. Auch nicht Deutsch. Er hatte einfach keinen Bock auf etwas Neues. Er war immer für sich allein, war dementsprechend nicht glücklich und hat dann nach 10 Jahren den Entschluss gefasst, in den Libanon abzuhauen.
Ich bin offen, lerne gerne etwas Neues, eben auch durch meine Kinder. Ich sammele gerne Erfahrungen und mache das Beste daraus. Durch meine Kinder gehe ich an Grenzen, die ich vorher nicht kannte, dadurch bin ich erwachsener geworden. Schon alleine dadurch, dass ich nicht mehr so oft mit Freunden unterwegs bin, sondern mein Familienleben habe. Und weil man mit zwei Kindern einfach mehr Stress hat. Früher drehte sich alles nur um unsere Beziehung und die Arbeit, jetzt kommt eben die Familiensituation dazu, dann ist da auch noch meine Herkunftsfamilie mit einer schwerkranken Mutter. Das muss alles irgendwie unter einen Hut gebracht werden. Das hat mich verändert und ich gehe automatisch ganz anders mit Stress um, bin abgeklärter.
MOMENTE BESONDEREN GLÜCKS
Wenn ich meine Töchter im Arm habe, wenn wir kuscheln, dann weiß ich, dass es wahr ist und kein Traum. Manchmal hat Liah ihre Zicken, doch wenn sie dann kommt und mich umarmt, dann durchströmt mich das Glück – und sie hat mich total im Griff. Hat sie mich so oder so, aber dann erst recht. Vielleicht verwöhne ich sie. Aber ich kann nicht anders. Und wenn ich mal Nein sage, und sie hat wieder ihren speziellen Blick drauf und gibt mir noch einen Kuss, dann sage ich zwei Minuten später doch wieder Ja. Oder sie fängt an zu weinen, und ich will nicht, dass sie weint…´
WÜNSCHE FÜR DIE KINDER
Meinen Töchtern wünsche ich, dass es ihnen später mal besser geht, dass sie beruflich erfolgreicher werden. Uns geht es nicht schlecht, doch ich wünsche mir für sie, dass sie in meinem Alter nicht zweimal darüber nachdenken müssen, ob sie sich zum Beispiel einen Urlaub leisten können. Geld finde ich schon sehr wichtig. Es ist eben besser, wenn man seinen Kindern keinen Wunsch abschlagen muss. Als wir uns für unser erstes Kind entschieden haben, hatten wir beide einen Job, aber dann auch ganz schönen Bammel davor, wenn sich das ändern würde. Es ist gut, diese Angst nicht haben zu müssen. Und wenn ich meinen Kindern alle Wünsche erfüllen kann, sind sie eben glücklich.
VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND BERUF
Meine Eltern haben beide 9 Geschwister, ich habe drei Brüder, deshalb wollte ich ganz klar immer eine Familie haben. Familie, das ist für mich das Wichtigste im Leben. Danach kommt gleich der Beruf. Denn wenn der gut läuft, hat man eben ein schönes Leben als Familie. Als Liah auf die Welt kam, war ich im Außendienst und konnte meine Zeit so einteilen, dass ich ziemlich viel von ihr mitbekommen habe. Bei Yara war das dann anders. Aber ich habe mich aus finanziellen Gründen gegen die Elternzeit entschieden.
Bei Liah haben wir uns nachts abgewechselt. Aber jetzt muss ich tagsüber sehr konzentriert sein und muss deshalb durchschlafen. Das hört sich zwar ziemlich egoistisch an, aber ich brauche den Schlaf. Die Arbeit darf nicht darunter leiden.
Morgens habe ich dann etwas Zeit mit den Kindern und bringe Liah in die Kita. Phasenweise ist es schade, dass ich abends nicht früher von der Arbeit wegkomme. Das lässt sich leider nicht ändern. Wenn ich zeitig nach Hause kommen kann, dann unternehme ich noch etwas mit Liah, wir spielen Spiele oder lesen ein Buch und ich bringe sie dann ins Bett, dann habe ich sie meist noch zwei Stunden gesehen. Im Großen und Ganzen haben wir in unserer Tagesplanung eine gute Struktur und das ist alles schon ganz in Ordnung so.
Da bleibt ab und an auch noch Zeit für getrenntes Ausgehen. Im Augenblick ist es für meine Frau nicht so leicht wegen dem Stillen. Aber wenn sie vor Yaras Geburt mal mit ihren Mädels weggehen wollte, dann bin ich eben zuhause geblieben. Und jetzt komme ich nach der Arbeit erst mal nach Hause und bringe Liah ins Bett. Danach gehe ich ein- oder zweimal die Woche mit ein paar Freunden was trinken. Meine Arbeitskollegen haben schon oft gesagt, dass sie mich beneiden um meine tolle Familie, und wie gut meine Frau und ich zusammenpassen. Und sie finden es toll, dass ich viel mit meiner Familie unternehme.
DIE BEDEUTUNG DES VATERS
Meine Aufgabe als Vater sehe ich darin, Vorbild zu sein und die Kinder auf die richtige Schiene zu lenken. Damit sie nicht meine Fehler noch einmal machen. Dass sie dann gute Erfahrungen machen, durch die sie reifer werden und dann selbst entscheiden können, was für sie richtig ist. Und ich möchte ihnen Schutz geben. Das kann meine Frau natürlich auch, aber ich glaube, dass Kinder schon eher ihren Vater als jemanden sehen, der ihnen Schutz gibt. Es gibt ja bei Kindern schon so eine Aufteilung, dass sie mit bestimmten Sachen eher zur Mutter und mit anderen eher zum Vater gehen. Das wird bei uns bestimmt auch mal so laufen. Ich wünsche mir, sie kommen wirklich mit allem zu uns, egal zu wem von uns beiden. Ich habe das als Kind oft nicht so gemacht, weil ich schon wusste, dass ich dann Ärger bekäme. Das soll mit unseren Kindern natürlich nicht so sein. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mir viel Zeit für die beiden zu nehmen und offen auf sie einzugehen. Das werden sie merken und ein gutes Gefühl damit haben.
Ein Vater kann alles geben, was eine Mutter gibt
Michael Allgeier
43 Jahre
Kaufmann
Vater von Victor, 20 Monate
VATER WERDEN
Ich habe mich sehr auf unser Kind gefreut und gehofft, dass es gesund sein und mich akzeptieren wird. Ich habe mir während der Schwangerschaft immer gedacht, dass eben alles so auf einen zukommt und man dann schon lernt, was zu tun ist. Viele junge Väter haben ja Angst davor, ihre Kinder anzufassen, weil sie so klein sind. Das ging mir nicht so. Allerdings hatte ich das erste halbe Jahr schon Angst vor dem plötzlichen Kindstod. Da wollte ich kaum noch schlafen, sondern die ganze Nacht hören, dass er atmet.
Und ein guter Vater wollte ich natürlich sein, ohne diese ganzen Klischees, was einen guten Vater ausmacht. Ich bin davon ausgegangen, dass alles gut wird, weil es uns schließlich gut geht. Dann hatten wir also unser größtes Glück – und dann ist unsere Beziehung leider doch zerfallen. Schon vor der Geburt war es mir wichtig, das gemeinsame Sorgerecht zu haben. Ein Kind braucht unbedingt Mutter und Vater jeweils zu gleichen Anteilen. Wir wollen jetzt gemeinsam das Beste erreichen für das Kind. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir die Trennungsgründe nicht mehr aufatmen lassen. Es geht jetzt um das Kind. Dafür haben wir auch gute Absprachen getroffen. Victors Mutter wohnt in der Nähe und er kommt mit der Situation auch gut klar. Ganz ohne Konflikte geht es zwar nicht, aber ich setze alles daran, dass wir miteinander arbeiten, für Victor.
GETRENNT - UND TROTZDEM GEMEINSAM FÜR DAS KIND
Wir nutzen eine Familienberatung, da bin ich sehr froh drüber. Das war anfangs ein Vorschlag der Kindesmutter. Das sind ausgebildete Sozialpädagogen und zuerst dachte ich ‚Oh Gott! Die sind alle gegen dich!‘. Aber so ist es gar nicht. Nach all diesen Beratungen, auch aus anderen Richtungen, haben die Kindesmutter und ich eine außergerichtliche Umgangsregelung getroffen – das ist eine tolle Sache. Viele Männer geben irgendwann auf. Aber wenn ich mich jetzt nicht dafür einsetze, solche Regelungen zu finden und so die Zeit sicherstelle, die ich mit meinem Sohn verbringen kann, dann entgeht mir doch ein großer Teil von dieser wunderbaren Erfahrung, die Welt durch die Augen meines Sohnes noch einmal ganz neu erleben zu können! Deshalb bin ich froh darüber, wie es im Augenblick mit unseren Vereinbarungen läuft. Victor wird mich als seinen Vater weniger haben, als ich es mir wünsche. Wenn er dann etwas älter ist, kann er selber entscheiden, wo er sein möchte. Ich hoffe, seine Mutter sieht das auch so.
VATER UND MUTTER: UNTERSCHIEDE
In der Literatur ist ja immer wieder von dem interessanteren Spielstil der Väter zu lesen. Aber ich glaube auch, dass Frauen die Welt häufiger komplizierter machen, als sie ist. Männer denken oft einfacher. Ich jedenfalls. Das Leben macht doch Freude! Betrachte die schönen Seiten! Das möchte ich ihm beibringen: Das Leben zu durchleben. Dafür möchte ich ihn sein lassen, wie er ist. Ihn fördern, ohne ihn zu verwöhnen, und frei lassen. Ihn aber auch darauf vorbereiten, dass man Disziplin braucht, wenn es mal schwierig wird im Leben.
HEUTIGE VATERROLLE
Früher hat man gesagt, das ist die Rolle der Mutter, die die des Vaters, das ist heute ja nicht mehr so. Ein Vater kann auch alles geben, was eine Mutter gibt. Ich möchte ein Vater sein, der auch Mütterliches geben kann. Viele bestätigen mir, dass mir das gelingt. Darauf bin ich stolz. Er hat mir Energie gegeben. Und ich glaube, dass viele Männer auch solche Erfahrungen wünschen, das aber unterdrücken. Wir sind jetzt an einer Schwelle. Immer mehr Väter werden diese Seite an sich zulassen.
Wenn Victor bei mir ist, fehlt ihm die Mutter nicht. Er freut sich dann aber auch wieder, wenn sie da ist. Trotzdem zerbricht mir das Gefühl das Herz, ihn zu wenig zu haben. Wenn das Gefühl zu stark wird, dann rufe ich seine Mutter auch an und sage ihr, dass ich Victor gerne sehen möchte. Zuerst dachte ich, das dürfte ich nicht tun. Aber als ich es dann doch getan habe, hat mir das richtig gut getan. Ich kann nur jedem Vater in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht gekränkt zurück zu ziehen, sondern seine Gefühle der Mutter mitzuteilen und sich mit ihr zu verständigen, damit er die Zeit mit seinem Kind nutzen kann! Um diese Haltung entwickeln zu können, habe ich mir Hilfe geholt und auch mit Freunden viel geredet. Das war sehr wichtig. So kann ich auch nach der Trennung zu der Kindesmutter sagen ‚Du hast mir das schönste Geschenk meines Lebens gemacht!‘.
DIE EIGENEN ELTERN
Für mich ist der Anspruch, dass ich immer für mein Kind da sein will. Meine Eltern haben auch alles richtig gemacht, aber mein Vater war eben meist arbeiten, und meine Mutter hat sich um die Kinder gekümmert. Ich selbst war erst ab 35 so weit, Vater werden zu wollen. Früher dachte ich immer, ich müsste meinem Kind etwas bieten. Nicht im Sinne von verwöhnen, aber dass es alles tun und machen kann, was es möchte. Meine Eltern haben beide viel gearbeitet und ein schaffensreiches Leben geführt. Ich habe als Kind nebenbei viel gejobbt, denn ich habe kein offizielles Taschengeld bekommen – aber trotzdem immer gehabt, was ich brauchte.
EIN GUTER VATER SEIN
Ein guter Vater sein heißt für mich, dass mein Sohn weiß, dass ich immer für ihn da bin. Uneingeschränkt. Wenn mein Sohn wichtige Dinge haben wird, Sport oder eine Theateraufführung oder was auch immer, dann möchte ich dabei sein. Dafür werde ich auch Termine absagen. Mein Vater war ein guter Vater, war aber bei vielen Ereignissen nicht dabei. Er hat mir gesagt, ich hätte heute als Vater viel mehr Möglichkeiten, als er. Da habe ich ihm gesagt, er hätte alles richtig gemacht. Zum Glück kann ich heute auch mal später ins Büro kommen oder auch mal mittags nach Hause fahren oder von zu Hause aus arbeiten.
Ich wünsche mir, dass Victor und ich auch noch zusammen etwas unternehmen, wenn er 16 oder 17 ist. Das heißt nicht, dass ich kumpelhaft mit ihm sein möchte. Ich möchte ihm auch nicht ständig ‚gute Ratschläge‘ geben, sondern ein Vater sein und ihn akzeptieren, wie er ist, mit seinen Entscheidungen. Wenn er meine Hilfe dafür möchte, bin ich da, dann soll er mir erzählen, was ihn bewegt, und ich werde versuchen, ihm meine Sicht zu vermitteln. Entscheiden soll er dann selbst.
Mir muss auch klar sein, dass Victor wahrscheinlich lange Zeit gar nicht zu schätzen wissen wird, was ich bereit bin, für ihn zu tun. Ich tue alles, erwarte aber nicht, dass er mich mit drei Jahren dafür umarmt und sagt ‚Du bist ein toller Papa!‘. Was meine Eltern für mich getan haben, das habe ich erst als Jugendlicher verstanden. Jetzt gibt Victor mir Bestätigung, wenn er mich einfach nur anlacht und sich von mir trösten lässt.
VISION UND WERTE
Meine Vision ist die, dass er Freude haben kann. Auch später sollen ihn die Schule und sein beruflicher Werdegang glücklich machen. Wenn wir merken, dass er irgendwelche besonderen Fähigkeiten hat, dann werden wir die fördern. Wir möchten ihm auch Werte mitgeben. Mir ist es wichtig, ihm viel zu geben, ohne ihn aber zu ‚kaufen‘. Mich hat geprägt, dass ich nicht sonderlich viel hatte, mir aber die Liebe und Geborgenheit meiner Eltern gereicht hat. Ich habe während meiner Geschäftsreisen überall in der Welt viel Armut gesehen. Deshalb möchte ich, dass Victor immer weiß, dass das, was er hat, nicht selbstverständlich ist. Dass es andere Kinder gibt, die weniger haben. Wenn er mal einiges von seinem vielen Spielzeug nicht mehr benutzt, dann werden wir das zusammenpacken und er soll es dann Kindern schenken, die nicht so viel haben.
Von Anfang an war klar, dass wir die Aufgaben gleich verteilen würden
Mika-Joachim Kirch
48 Jahre
Triebwerksteile-Mechaniker
Vater von Daniel, 7 Jahre und den Zwillingen Tobias und Jonas, 5 Jahre
GEMEINSAME ELTERNZEIT
Als Daniel geboren wurde, habe ich mit meiner Frau zusammen das erste Jahr gemeinsam zuhause verbracht. Als ich das meinem Chef angekündigt habe, hat der das überhaupt nicht verstanden. Das hat mich schon schockiert. Mittlerweile nehmen allerdings immer mehr Kollegen wenigstens 2 bis 4 Monate Elternzeit. Ich finde es schön, dass sich die Väter diese Zeit nehmen.
Wir haben unsere Ausgaben entsprechend reduziert und sind daher während dieses Jahres mit dem Elterngeld ganz gut über die Runden gekommen. Wir dachten, dass wir mit einem Kind völlig ausgelastet sind und dass man auch gar nicht mehr schafft. Doch dann kamen unsere Zwillinge. Da haben wir gelernt, dass man auch ohne Schlaf irgendwie im Leben auskommen kann.
AUFGABENVERTEILUNG
Von Anfang an war klar, dass wir die Aufgaben gleich verteilen würden. Und ich habe mir von Anfang an das Recht herausgenommen, zum Beispiel die Windeln anders zu wickeln, als meine Frau. Und als sie sah, dass das auch klappt, war‘s dann auch gut. Wir mussten ja sowieso beide alles erst einmal lernen. Da waren wir dann zuhause mit dem Kind und fragten uns ‚Und nun?‘ Die Hebamme hat zwar geholfen, doch es war hauptsächlich learning by doing. Da hat sich dann jeder seinen Stil angeeignet.
VATER WERDEN
Als ich erfuhr, dass ich zum ersten Mal Vater werde, da dachte ich erst mal nur ‚Gut, jetzt kommt ein Kind‘. Ich habe mich sehr gefreut, aber mir nicht konkret vorgenommen, was für ein Vater ich werden möchte. Ich habe schon gedacht, dass ich mit einem Jungen in den Wald gehen und dass wir dort Feuer machen und schnitzen würde. Trotzdem war mir das Geschlecht egal, Hauptsache gesund.
VATER SEIN
Dass es dann tatsächlich drei Jungs geworden sind, erleichtert mir allerdings schon den Alltag, weil ich mit ihnen gleich umgehen kann. Wenn eins der Kinder ein Mädchen wäre, würde ich mir vielleicht schon Gedanken darüber machen, ihm gegenüber anders sein zu müssen. Was wäre, wenn das Mädchen lieber mit Puppen spielen will, als zu schnitzen? Aber vielleicht wäre ja auch sie die erste gewesen, die schnitzen will. Aber ich freue mich schon darüber, dass ich jetzt mit drei Jungs losziehen kann. Wir haben ein Baumhaus und es wird toll, wenn sie dann später mal darin schlafen können. Bei Jungs muss man, wenn sie älter werden, nicht so ängstlich sein, auch wenn natürlich was passieren kann. Und wegen der neuen Medien ist mir schon klar, dass ich so allumsorgend bald nicht mehr sein kann. Trotzdem denke ich, dass es mit drei Jungs leichter ist.
DER EIGENE VATER
Ich versuche schon, anders zu sein, als mein Vater. Im Urlaub haben sich eher meine Mutter und Oma um mich gekümmert, als mein Vater. Deshalb hatte ich immer mehr mit Frauen zu tun, als dass ich männliche Vorbilder um mich gehabt hätte. Nähe und Emotionalität waren nicht die Stärke meines Vaters. Wir haben auch nicht viel als Familie unternommen. Im Urlaub hat er sich in unserem Ferienhaus in Finnland sechs Wochen hingesetzt und nur Bücher gelesen. Das war – aus heutiger Sicht - nicht so spannend.
DIE EIGENE VATERROLLE LEBEN
Deshalb habe ich heute den Anspruch, mit meinen Kindern viel Nähe zu erleben und viel mit ihnen zu unternehmen. Ich bin deshalb mit den drei Kindern von Anfang an gerne in Elternschulen gewesen und habe die Vätertreffs in Hamburg besucht. Das war alles immer sehr nett und hat mir viel Spaß gemacht. Und heute sind meine Kinder von montags bis freitags unter Programm. Wir fahren oft in den Hansapark und sind sehr oft bei Veranstaltungen. Zum Beispiel im Rahmen des ‚Maus-Türöffner-Tages‘. Da haben sie z. B. einen Hühnerhof und eine Kaffeerösterei besucht. Im Sommer sind wir im Urlaub auf einem Bauernhof gewesen und meine Kinder haben eine Woche Zirkus mitgemacht. So etwas hätte ich mir aus meiner heutigen Sicht für meine Kindheit auch gewünscht. Wenn sich die Kinder streiten, wünsche ich mir zwar manchmal auch einfach nur Ruhe. Doch von der Situation weggehen will ich nicht. Dann werden die Ärmel hochgekrempelt und dann wird das geklärt.
ROLLENVERTEILUNG
Ich mache alles mit den Kindern, was meine Frau macht. Und die Kinder akzeptieren Papa genauso wie Mama. Obwohl es schon irgendwie stimmt, dass die Papas die Würstchen und die Mamas die Sahnetörtchen sind. Dass meine Kinder mich anerkennen, merke ich daran, wie sie mit mir umgehen. Während des ersten Jahres ist Tobias nur hinter Mama her gekrabbelt. Und mittlerweile kommt er nach dem Abendessen zuerst zu mir zum Schmusen. Das gibt mir schon sehr viel. Auch in der Umwelt erhält man von den Vätern, die sich um ihre Kinder kümmern, durchaus Anerkennung. Dann gibt es aber eben auch noch die, die eher traditioneller drauf sind… von denen gibt es nur sehr selten eine Anerkennung.
ELTERN SEIN
Zurzeit müssen wir ja noch nicht so richtig wichtige Entscheidungen treffen. Aber wir sprechen über alles, was wir mit unseren Kindern machen wollen. Und wenn einer eine Entscheidung trifft, dann steht der andere auch dazu. Wir sprechen jeden Tag über unsere Kinder und sind eigentlich immer auf der gleichen Welle. Aber mal sehen, wenn wir hier in der Pubertät dreimal Testosteron haben, dann geht’s bestimmt auch mal richtig zur Sache.
Im Gegensatz zu meiner Frau bin ich etwas risikobereiter. Wenn es um Kerzen geht oder ähnliches, dann nimmt meine Frau die Dinge schneller weg, als ich. Meine Frau ist bestimmt sicherheitsorientierter. Obwohl ich mein Kind natürlich nie einer wirklichen Gefahr aussetzen würde.
PAAR SEIN
Wir versuchen, den Sonntagabend für uns als Paar zu reservieren, damit wir dann mal Zeit für uns haben. Im Wechsel gestaltet dann einer von uns den Abend, stellt etwas Leckeres auf den Tisch. Freitagvormittags nehmen wir uns auch Zeit für uns, versuchen das jedenfalls. Und wir haben ziemlich viele Kontakte mit anderen Familien mit ähnlich alten Kindern. Da hat man immer ein Thema. Durch die Kinder habe ich jetzt schon viele Leute kennen gelernt. Zu einigen Paaren gibt es auch enge Kontakte. Damit fühle ich mich sehr wohl.
WÜNSCHE FÜR GLÜCKLICHE ZUKUNFT
Ich lasse alles auf mich zukommen und bin mir sicher, dass sich alles gut entwickeln wird. Wegen mir können meine Jungs werden, was sie wollen. Ob Metzger oder Weltenbummler. Doch wenn einer nun gerade Musiker werden möchte, würde ich schon versuchen, für eine weitere Ausbildung zu werben und nicht alles nur auf Musiker zu setzen. Es wäre schon schön, wenn sie studieren. Aber wenn ihnen eine handwerkliche Ausbildung mehr liegt, bitte. Hauptsache, sie sind glücklich und zufrieden – und kommen nicht mit Drogen in Berührung. Aber darauf habe ich nur bedingt Einfluss. Ich kann nur hoffen, dass sie verinnerlichen, dass sie drei tolle Jungs sind und sich als Brüder aufeinander verlassen können. Und dass sie immer zu ihrer Familie zurückkommen können. Das scheint auch zu funktionieren. Wenn sie sich heute mal heftiger streiten, dann kümmert sich der Große sehr liebevoll, holt ein Autsch-Tier und so etwas. Wenn ich ohne Kinder geblieben wäre, wäre ich bestimmt auch glücklich geworden. Aber diese Kinder haben viel in mir bewegt und viel für mich verändert in der Einstellung zu mir und zu anderen. Deshalb ist meine Familie wirklich das Wichtigste in meinem Leben und dass es uns allen weiterhin gut geht. Ich bin zufrieden, wie es alles bei uns läuft. Wir sind meist schon sehr harmonisch. Das ist sehr schön.